80 Gäste bei Kerstin Griese und Lamya Kaddor

131
Lamya Kaddor und Kerstin Griese diskutierten vor rund 80 Gästen im
Lamya Kaddor und Kerstin Griese diskutierten vor rund 80 Gästen im "Club" in Heiligenhaus. Foto: Büro Griese

Heiligenhaus. Lamya Kaddor engagiert sich für ein liberales Islamverständnis und eine pluralistische Gesellschaft. Bei „Kerstin Griese trifft …“ in Heiligenhaus erzählte sie über ihr Leben, ihre Arbeit als Religionslehrerin und von ihrer Forschungsarbeit an der Universität Duisburg-Essen.

Es gebe einen Anstieg von Vorurteilen und von Diskriminierung, berichtete Kaddor aus der Vorurteilsforschung. Diese richten sich ganz besonders gegen den Islam. Aber auch Antiziganismus, Frauenfeindlichkeit, Homophobie und Antisemitismus hätten zugenommen. „Man darf Islamfeindlichkeit nicht ohne Islamismus denken.“ Die Islamisten würden behaupten, dass die Deutschen alle Muslime hassen und der Islamhasser habe immer den Salafisten vor Augen. „Wenn ich die Islamfeindlichkeit bekämpfen möchte, muss ich immer auch den Islamismus bekämpfen“, ist Kaddor überzeugt.

Lamya Kaddor wusste das Publikum in Heiligenhaus gut zu unterhalten, wenn sie von ihren Töchtern erzählt, die einen jüdischen Kindergarten in Duisburg besucht haben und heute im katholischen Religionsunterricht sind, und von den Einwänden der syrischen Mutter und der deutschen Schwiegermutter. Als islamische Religionslehrerin, die aber auch mal vertretungsweise den katholischen Unterricht übernehmen musste, ist es Kaddor immer wichtig gewesen, möglichst unterschiedliche Angebote zu machen. „Ich habe einen Lehrplan“, beschrieb sie, dass es nicht um ihre persönlichen Vorlieben gehe. Aber es gebe nun einmal unterschiedliche Auslegungen im Islam. Kerstin Griese ergänzte, dass es ein großer Fortschritt sei, dass es den islamischen Unterrichtsunterricht gleichberechtigt an den Schulen gibt. „Kinder haben ein Recht auf religiöse Bildung.“ Man könne Konflikten leichter entgegenwirken, wenn man seinen eigenen Standpunkt kenne.

Kaddor vertritt eine Vermittlerposition. „Wenn ich bete, dann bedecke ich mein Haupthaar. Das ist der Ritus.“ Auf der Straße laufe sie ohne Kopftuch. „Bevor mich die Rechten bedrohten, bedrohten mich die Islamisten. Lange Zeit war ich die Vorzeigemuslimin. Doch nach dem Buch ‚Die Zerreißprobe‘ galt ich als verkappte Islamistin“, erzählte die Islamwissenschaftlerin von dem Hass, der ihr von Rechtsaußen entgegenschlägt.

Die politischen Interessen der großen Islamverbände hätten sie abgeschreckt. „Der Islam ist herkunfts- und nationenübergreifend“, misstraut Lamya Kaddor den Verbänden, die sich beispielsweise am türkischen Staat orientieren. Kaddor hat deshalb den Liberal-Islamischen Bund als Gegenpol gegründet. „Wir grenzen Homosexuelle nicht aus, und der Koran hat einen feministischen Anspruch. Man muss das Weiterentfalten, obwohl viele Männer das anders sehen“, erläuterte sie ihre Vorstellungen von einem zeitgemäßen Islam. Kerstin Griese plädierte dafür, dass der Islam eine gleichberechtigte Rolle in Deutschland spielt. „Die Rechte, die Kirchen haben, müssen für alle Religionsgemeinschaften gelten“, betonte Griese, „und auch die Muslime einbeziehen“.