Babyschreiambulanz bietet Unterstützung an

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Stellten das neue Behandlungs- und Beratungsangebot „Babyschreiambulanz“ vor (sitzend von links): Elisabeth Weiss (Psychologische Beratungsstelle), Familienhebamme Elke Harder, Dr. med Sören Lutz (Chefarzt Kinder- und Jugendmedizin, Helios Klinik Niederberg), Familienhebamme Christiane Schurr, Lisa Walkembach (Diakonie im Kreis Mettmann) sowie stehend (v.r.) Barbara Sorgnitt und Sabine Klocke (beide Jugendamt Ratingen). Foto: Stadt Ratingen
Stellten das neue Behandlungs- und Beratungsangebot „Babyschreiambulanz“ vor (sitzend von links): Elisabeth Weiss (Psychologische Beratungsstelle), Familienhebamme Elke Harder, Dr. med Sören Lutz (Chefarzt Kinder- und Jugendmedizin, Helios Klinik Niederberg), Familienhebamme Christiane Schurr, Lisa Walkembach (Diakonie im Kreis Mettmann) sowie stehend (v.r.) Barbara Sorgnitt und Sabine Klocke (beide Jugendamt Ratingen). Foto: Stadt Ratingen

Ratingen. Das Ratinger Netzwerk “Frühe Hilfen” bietet ab Februar, mit der Babyschreiambulanz ein neues Unterstützungsangebot für Eltern, Erziehungsberechtigte und Betreuungspersonen an.

Die Babyschreiambulanz wird einmal wöchentlich – jeweils mittwochs von 16 bis 18 Uhr – in der städtischen Kindertageseinrichtung Oststraße 10 angeboten, erstmals also am Mittwoch, 6. Februar.

Die Anmeldung erfolgt über die Telefonnummer der Psychologischen Beratungsstelle, Philippstraße 21, Tel. (02102) 550-5160 von montags bis freitags in der Zeit von 9 bis 13 Uhr.

Besonders in den ersten Lebensmonaten weinen die meisten Babys relativ viel. Die sogenannten „Schreibabys“ sind jedoch jene übermäßig untröstlichen, schreienden, unruhigen Säuglinge, die nach Expertenmeinung mehr als drei Stunden am Tag an mehr als drei Tagen und mehr als drei Wochen lang schreien. Diese Babys lassen sich weder durch Stillen noch durch Tragen, Schaukeln, Singen oder Wickeln beruhigen. Sie weinen so ausdauernd und untröstlich, dass die Eltern nicht mehr wissen, wie sie ihrem Kind helfen sollen.

Die andauernde Erfahrung, sein Baby nicht beruhigen oder trösten zu können, löst bei vielen Menschen – auch bei Großeltern und Babysittern – starke Gefühle von Verzweiflung, Versagensängsten, Enttäuschung über die eigene Unzulänglichkeit und manchmal auch Zorn und Wut aus.

Permanent schreiende und schlecht schlafende Babys stellen eine extreme Belastung für Familien dar. Je mehr das Baby untröstlich schreit, desto angespannter werden die Eltern. Nicht selten entsteht daraus ein Teufelskreis, denn stark angespannte, nervöse Eltern übertragen ihre eigene Unruhe auf das Kind. Die Gefahr, dass Eltern schnell an ihre Grenzen geraten und die Nerven verlieren, ist dadurch stark erhöht. Die im Jahr 2018 gestartete die Kampagne „NIEMALS SCHÜTTELN! – Wenn Babys nicht aufhören zu schreien“ des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen geht anschaulich auf diese Entwicklung ein.

Zahlen, Daten Fakten

In Deutschland wurde die erste Babyschreiambulanz 1991 im Kinderzentrum München eröffnet. Im Laufe der Zeit haben sich viele weitere Ambulanzen in ganz Deutschland etabliert; angebunden sind sie meist an Kinderkliniken oder Erziehungsberatungsstellen. Im Umfeld von Ratingen gibt es Babyschreiambulanzen in Duisburg, in Essen und in Düsseldorf. Im Kreis Mettmann steht ein solches Angebot nicht zur Verfügung.

Jeweils 10 % der Säuglinge eines Jahrgangs werden als „echte“ Schreibabys eingestuft. Manche Experten sprechen sogar von 20 % untröstlich schreiender Babys pro Jahr. Bei einer Rate von 800 Geburten pro Jahr in Ratingen kann man daher davon ausgehen, dass zwischen 80 und 160 Ratinger Familien mit einem Schreibaby leben.

Mit dem Wissen, welche Teufelskreise zwischen Eltern und Kind im Rahmen dieser Regulationsstörungen entstehen können, sind allein diese Zahlen ein guter Grund, den Eltern direkt und ohne lange Anfahrtswege in Ratingen ein fundiertes Hilfeangebot zu machen.

Warum wird das Angebot installiert?

Neben den zuvor dargestellten Daten und Fakten der allgemeinen Situation von Schreibabys wird auch im Alltag verschiedenster Helfer in Ratingen deutlich, dass es viele Familien gibt, die sich in einer der beschriebenen Situationen befinden. Sowohl die Ratinger Kinderärzte als auch die Beratungsstellen, die Familienhebammen und der Bezirksdienst des Jugendamtes erleben Eltern, die aufgrund der Alltagssituation mit ihrem andauernd weinenden Säugling oder Kleinkind in Belastungs- und Überforderungssituationen geraten.

Bisher werden in solchen Situationen andere Hilfen (und damit manchmal nicht passgenaue) in Anspruch genommen oder die Familien müssen einen Fahrweg zu einer Babyschreiambulanz außerhalb Ratingens zurück legen oder sie nehmen gar keine Hilfen wahr. Diese Situation kann zu einer Verschärfung der Situation führen. Ziel ist es daher, Eltern mit so genannten Schreibabys ein passgenaues Unterstützungsangebot vor Ort zu machen.

Wer bietet das Angebot an?

Das Netzwerk Frühe Hilfen Ratingen ist ein Zusammenschluss von Fachleuten der Gesundheits- und Jugendhilfe. Die konstituierende Sitzung fand im November 2012 statt; die Netzwerkkoordination liegt beim Amt für Kinder, Jugend und Familie der Stadt Ratingen. Die Mitglieder engagieren sich gemeinsam für den Auf- und Ausbau der Frühen Hilfen und für deren Planung und Weiterentwicklung.

Mit der Ratinger Babyschreiambulanz wird ein umfangreiches Behandlungs- und Beratungsangebot für Eltern mit Kindern, die durch exzessives Schreien, motorische Unruhe und massive Schlaf- und Ernährungsstörungen auffallen, angestrebt.

Wie sieht das Angebot in der Praxis aus?

Den Ratsuchenden stehen jeweils zwei Beraterinnen aus dem Netzwerk Frühe Hilfen zur Verfügung. Dieses Beraterinnenpaar besteht jeweils aus einer Familienhebamme und einer Sozialfachkraft mit einer therapeutischen Weiterbildung. Im Netzwerk Frühe Hilfen haben sich zwei Teams gebildet – deshalb können Elke Harder (freiberufliche Familienhebamme) und Elisabeth Weiss (Psychologische Beratungsstelle) im Wechsel mit Christiane Schnurr (freiberufliche Familienhebamme) und Lisa Walkembach (Diakonie im Kirchenkreis Mettmann) in der Babyschreiambulanz arbeiten.

Multiprofessionelle Netzwerk als wesentliche Ergänzung

Zusätzlich stellen alle Mitglieder des Netzwerks Frühe Hilfen ihr Fach- und Erfahrungswissen zur Verfügung. Dies geschieht unter anderem durch:

  • die Weiterberatung der Eltern im Rahmen der Babysprechstunde des SKF
  • die Durchführung einer entwicklungspsychologischen Beratung im elterlichen Haushalt (SKF)
  • die Weiterberatung der Eltern im Rahmen der Familienhebammensprechstunden in West und Mitte
  • die unbürokratischen Gewährung eines aufsuchenden Familienhebammeneinsatzes oder einer sozialpädagogischen Familienhilfe für max. 4 Std. pro Woche (Jugendamt)
  • die Unterstützung durch frühe gesundheitliche Hilfen (Kreisgesundheitsamt)
  • die Beratung der Eltern im häuslichen Umfeld durch eine Marte Meo-Beraterin (Familienhebammen)
  • die Initiierung von Info-Abenden und Gruppenveranstaltungen zum Thema „Schreibabys“ (Diakonie, SKF, Jugendamt)

Kooperationspartner

Das initiierte Projekt kann im Februar nur dadurch beginnen, dass zahlreiche Kooperationspartner Bereitschaft erklärten, sich aktiv an der Babyschreiambulanz zu beteiligen. So ermöglicht die städtische Kindertageseinrichtung Oststraße 10 es, Räumlichkeiten für das Projekt zu nutzen. Die Ratinger Kinderärzte zeigen sich der Idee aufgeschlossen gegenüber und freuen sich auf eine Zusammenarbeit. Ein wichtiger Kooperationspartner des Ratinger Netzwerks ist das Helios Klinikum Niederberg, das mit seiner Kinderklinik den Beraterinnen vor Ort mit Rat und Tat zur Seite steht und bei Bedarf die Möglichkeit einer stationären Aufnahme von Eltern und Kind anbietet. Dr. med. Sören Lutz, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, ist sehr angetan von der Ratinger Initiative und freut sich auf die Zusammenarbeit.