Fünf Halifax-Bomber sind im Zweiten Weltkrieg in der Region abgestürzt

Abgestürzt und vergessen

16. August 2014, 18:51 Uhr

Die Autoren (v.l.) Sven Polkläser, Jürgen Lohbeck, Dr. Helmut Grau, Marcel Lesaar sowie Dr. Jutta Scheidsteger vom Scala-Verlag mit dem Buch „Abgestürzt“ und einem der gefundenen Wrackteile.

Foto: Scala-Verlag
Velbert -

Am Abend des 4. November 1944 befinden sich Halifax-Bomber der Royal Australian Air Force auf dem Rückflug, nachdem sie Bochum angegriffen haben. Einer von ihnen wird über Neviges von der Flak getroffen und fängt an zu brennen.

Bevor das Flugzeug explodiert und in einem Waldstück bei Windrath abstürzt, können die meisten der sieben Besatzungsmitglieder rechtzeitig mit Fallschirmen abspringen. Nur drei der Männer überleben, doch die anderen sterben nicht alle beim Absturz. Mindestens einer von ihnen, dafür sprechen Indizien, wird auf dem Weg ins Krankenhaus von einem Mitglied der NSDAP-Ortsgruppe Neviges erschossen. Der Vorfall wird totgeschwiegen und gerät schnell in Vergessenheit; erst Anfang dieses Jahres werden Teile des Wracks entdeckt.

Dieser Absturz war einer von fünf, die sich zwischen 1943 und 1945 im Umkreis von nur zehn Kilometern zwischen Velbert, Mettmann und Wuppertal ereignet haben. Das neu erschienene Buch „Abgestürzt“ (Scala-Verlag, 24,80 Euro) rekonstruiert die Ereignisse, zitiert Augenzeugenberichte und zeichnet die Schicksale der insgesamt 35 Flieger nach, von denen nur zehn überlebt haben. „Abgestürzt“ ist eine Gemeinschaftsarbeit der Hobby-Historiker Dr. Helmut Grau, Marcel Lesaar, Jürgen Lohbeck und Sven Polkläser. Sie alle sind als ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger für den LVR tätig. Mit dieser archäologischen Fachkenntnis ist es ihnen gelungen, die Absturzstellen zu ermitteln und viele der alten Wrackteile auszugraben.

Lohbeck hat bereits mehrere Bücher über vergessene Teile der Velberter Heimatgeschichte herausgebracht. Recherchen und Gespräche mit Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs brachten ihn auf die Idee zu „Abgestürzt“, denn dabei stieß er immer wieder auf Hinweise über abgeschossene Kampfbomber in der Gegend um Velbert. „Insbesondere die Ereignisse in Neviges sind fast völlig in Vergessenheit geraten“, sagt Lohbeck. „Es sind nur noch vage Gerüchte geblieben, die von alten Menschen hinter vorgehaltener Hand erzählt werden. Die Nachforschungen waren schwierig, denn das Stadtarchiv weiß nichts von dieser Geschichte.“

Zu den Abstürzen recherchierten die vier Autoren nicht nur vor Ort, sondern auch über Archive, Veteranenverbände und bei Angehörigen der Flieger in England, Kanada, Australien und Frankreich. „Alle waren sehr entgegenkommend“, berichtet Jürgen Lohbeck. „Auch von den Angehörigen bekamen wir Fotos, Briefe und andere private Dokumente. Es war nichts von irgendeinem alten Groll gegen die Deutschen zu spüren, auch bei den Veteranen nicht.“ Als besonders hilfreich erwies sich Paul Knott, der Neffe des in Neviges abgestürzten und überlebenden Bordingenieurs Harry Knott. „Er hat von sich aus Kontakt zu uns gesucht, weil er seinerseits Nachforschungen zur Geschichte seines Onkels anstellen wollte“, so Lohbeck. „Paul konnte uns entscheidende Hinweise zu den Schicksalen der Besatzungsmitglieder liefern.“

Bei der Ausgrabung der Wrackteile war Knott ebenfalls mit dabei. Er wird auch am 8. November wieder in Neviges sein, wenn in der Stadtkirche ein zweisprachiger Gedenkgottesdienst für die Opfer beider Seiten abgehalten wird. Auch zahlreiche Familienmitglieder der anderen abgestürzten Soldaten werden aus England und sogar Australien anreisen.

Isabella Malecki

 

 

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