Bergische Diakonie bietet neue Ausbildung zum Genesungsbegleiter

Schwere Lebenskrisen als Chance

14. Juli 2015, 14:11 Uhr

Ungewöhnliches Bewerberprofil: Wer sich für eine Ausbildung als Ex-In Genesungsbegleiter interessiert und psychisch erkrankte Menschen unterstützen möchte, muss selber eine schwere seelische Krise durchlebt haben. Die Bergische Diakonie bietet diese Ausbildung ab Januar in ihrem Bildungszentrum in Wuppertal an.

Ausbildung zum "Ex-In" in der Bergischen Diakonie

Patrizia Kraft (vorne links) und Julia Noll haben die Tätigkeit des Ex-In Genesungsbegleiters im Begegnungszentrum des Betreuten Wohnens an der Velberter Poststraße vorgestellt.

Foto: Isabella Malecki
Velbert/Wuppertal -

 "Was ich in anderen Bewerbungen verschweigen müsste, ist hier ein großer Pluspunkt", sagt Julia Noll. Die junge Frau mit den lebhaften dunklen Augen wirkt offen und optimistisch. Wer sie sieht, würde nicht unbedingt vermuten, dass sie eine schwere Lebenskrise hinter sich hat. Noll ist wieder auf die Beine gekommen und möchte ihre Erfahrungen nutzen, um andere Menschen in einer akuten Krisensituation zu unterstützen. Seit November macht sie daher in Köln eine Ausbildung zur Ex-In Genesungsbegleiterin.

"EX-In", das steht für "Experienced-Involvement". Im Gegensatz zu einer Arzt-Patienten-Beziehung sind die Grenzen hier fließender, das Verhältnis oft enger, denn die Genesungsbegleiter haben selber Psychiatrie-Erfahrung. "Vielen Patienten fällt es einfacher, sich zu öffnen, wenn sie wissen, dass ihr Gegenüber dasselbe durchlebt hat und sie versteht", weiß Julia Noll.

Das Konzept wurde von 2005 bis 2007 gemeinsam in mehreren europäischen Ländern entwickelt. Seit 2010 ist die Ausbildung in Deutschland nach der Akkreditierungs- und Zulassungsverordnung Arbeitsförderung (AZAV) zertifiziert. Die Ausbildung wird in Teilzeit angeboten, dauert ein Jahr und umfasst auch zwei Praktika. Die Teilnehmer reflektieren ihre eigene Erkrankung und Genesung und lernen, diese Erfahrungen zur Krisenbegleitung bei anderen einzusetzen.

Und das bedeutet nicht nur zuhören und Trost spenden. Die Ex-In-Genesungsbegleiter entwickeln anhand ihrer Stärken und Fähigkeiten selber Ideen für ihre Mitarbeit. So wie Patrizia Kraft, die seit 2014 stundenweise im Sozialpsychiatrischen Zentrum Wuppertal-Barmen arbeitet. Als studierte Germanistin bietet sie unter anderem eine Literaturgruppe und Filmabende für die Patienten an. "Kreativität ist ein gutes Ventil", erklärt sie. "Viele Erkrankte trauen sich nichts mehr zu und müssen behutsam wieder an die eigenen Fähigkeiten herangeführt werden." 

In Kooperation mit der Agentur "LebensART" aus Münster bietet die Bergische Diakonie ab Januar eine Ausbildung zum Ex-In Genesungsbegleiter. Am 11. August findet dazu eine kostenlose Infoveranstaltung im Bildungszentrum (Hofkamp 108 in Wuppertal) statt. Weitere Infos gibt es unter http://www.bda-bzb.de/ und http://www.ex-in-nrw.de.

Die Ausbildung kostet rund 2.400 Euro, die auch in monatlichen Raten zahlbar sind. Eine Förderung durch das Arbeitsamt ist möglich, aber oft schwierig. "Das liegt wohl nicht nur an der Neuartigkeit der Ausbildung, sondern auch daran, dass psychische Erkrankungen immer noch stigmatisiert werden", vermutet Patrizia Kraft.

"Zwölf Gespräche musste ich insgesamt im Jobcenter führen", berichtet Julia Noll aus eigener Erfahrung. "Wegen meiner Vorerkrankung wollten die mich eigentlich in einen Bürojob vermitteln und hinter den Computer setzen. Aber aufgeben kam nicht in Frage, denn ich wollte unbedingt mit Menschen arbeiten. Nicht trotz, sondern gerade wegen meiner persönlichen Geschichte."  

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